Atmosphäre, Stimmung, Energiefluss

Anfang der 1980er Jahre zeigte Gerwald Sonnberger innerhalb der Redaktion der Kulturzeitschrift Landstrich die sogenannten Schneckentagebücher seiner Nichte Pamela Ecker und erklärte, dass sie zu der Schneckenhaltung gehörten, die sie im Garten betrieb. Sie führte darüber gezeichnete Tagebücher, bevor sie schreiben konnte. „Diese Schrift kann man nicht lesen. Nur ich. Diese Schrift habe ich selber ausgedacht”, kommentierte sie als Volksschülerin ihre eigenen Schneckenbücher, von denen schließlich einige Seiten in der Landstrich-Ausgabe „Kindsprache” wiedergegeben und in einer begleitenden Ausstellung gezeigt wurden. Schon dem Kind war das Gestalten ein starkes Bedürfnis. Das Talent wurde von Sonnberger erkannt und speziell gefördert. Er ließ Jahr für Jahr ein großformatiges Skizzenbuch für seine Nichte binden. In diesen Büchern sind die zeichnerischen und malerischen Entwicklungsschritte des Kindes und der Jugendlichen festgehalten. Als Pamela Ecker zur Aufnahmeprüfung in die Kunstakademie in Wien vor die Kommission trat, legte sie eine Reihe dieser Skizzenbücher vor und überzeugte.

Pamela Ecker wurde in Schärding geboren und lebte hier bis zum Beginn ihres Studiums in Wien. Die Kleinstadt am Inn mit einer vielfältigen Bausubstanz, in einer Flusslandschaft mit Brücken, Altwassern und vegetativ überquellenden Auwäldern gelegen, prägte die Sinnenwelt der Künstlerin. Viele Situationen mit spezifischen Lichterscheinungen zu verschiedenen Tageszeiten, der niedrige Horizont im Westen, der hohe Himmel darüber, die Wolkenphänomene und die atmosphärischen Erscheinungen in der Nähe des Wassers und zwischen den verschachtelten Bauwerken gehörten zu den täglichen Eindrücken von Kind an und fanden früh ihren Niederschlag in tastenden Stimmungsbildern.

Während ihrer Ausbildung in Wien bei Gunter Damisch studierte sie die Möglichkeiten der Darstellung von atmosphärischen Erscheinungen als Ausdrucksträger ihres Lebens- und Existenzgefühls in den verschiedensten Schattierungen. Arbeiten aus der Studienzeit, von denen in diesem Katalog einige unter dem Titel „Stadträume – Raumstätten” zusammengeführt sind, zeigen Pamela Ecker technisch versiert in Malerei und Druckgraphik und kompetent in der Beschäftigung mit dem Licht, der Atmosphäre und der Energie, die den Bildraum durchflutet. Das wird an Gewässerlandschaften ebenso deutlich wie an der pulsierenden Heftigkeit des Verkehrsflusses innerhalb der Grenzen eines Straßenverlaufs.

Acht Jahre nach Beendigung des Studiums konzentrierte sie die künstlerische Aufmerksamkeit auf die Stadt Krumau. Während eines Atelieraufenthalts im Schiele-Zentrum fasste sie das neue Ambiente mit wachen Sinnen auf. Sie erlebte die Anregungen der neuen Umgebung als spannende Herausforderung und im Bewusstsein, dass sie während der Bewältigung in dem Haus lebte, das ihr erster Mentor Gerwald Sonnberger entdeckt, in der bestehenden Form gestaltet und in seiner Funktion entwickelt hatte.

Eine anschließende Ausstellung der Ergebnisse ihres Aufenthalts im Museum des Schiele-Zentrums dokumentierte die schrittweise Annäherung an das Projekt Krumau. Pamela Ecker beschäftigte nicht nur die Weltkulturerbe-Stadt, nicht nur die imaginäre Anwesenheit Egon Schieles, sondern auch das gegenwärtige Leben, der übergang der alten Stadt in eine moderne Stadt, deren Ränder gegen den historischen Kern einen Kontrast bilden. Pamela Ecker interessierte die bildnerische Erfassung der gewachsenen Stadtarchitektur, sie stellte Räumlichkeit ohne Betonung der Perspektive dar, schälte Objekte durch Umreißen aus den gehäuften Baumassen und setzte ihre Flächen nebeneinander. Was anfangs den Charakter von Studien aufwies, begann während der fortschreitenden Arbeit zu schwingen: die zunehmend dichter werdenden Strichlagen verschmolzen zu Geweben, aus deren dunklen Flächen Helligkeiten hervorbrachen, die auf stürmischen Wellen herumgeworfen schienen und einen geheimnisvollen Untergrund der touristisch bestimmten Stadt ahnen ließen. Für diese Bandbreite bewies die Künstlerin ein adäquates Sensorium. Der Blick fiel meditierend aus dem Fenster auf die Oberflächen der mürben Mauern, auf die brüchige Rückseite der Kulturdenkmäler, auf Dächer, die unter dem Druck der Zeit eingesunken waren. Pamela Ecker schaute auch vom hochgelegenen Standpunkt der Burg auf das zusammengepresste kleinteilige Gemeinschaftswesen zu ihren Füßen, auf die Moldau, die nachtschwarz vorüberzog und die schwache Beleuchtung mit ebensolchen Reflexen erwiderte. Die Moldau zeigte ihre melancholische Schönheit wie die Stadt selbst, aus der (wie aus vielen europäischen alten Städtchen) das private Leben auszieht, dort hinaus, wo geräumige Plätze und Straßen den Autos mehr Raum als den Menschen bieten. In der Vorstadt ragen in der Sicht Pamela Eckers vor Energie strahlende Hochhaus-Quader gegen den Himmel, in frischen Gelbtönen, vermischt mit giftig wirkendem Gelbgrün und tiefen Schatten.

Die Landschaften Pamela Eckers gehen, selbst wenn sie gegenstandslos erscheinen und so durchaus bestehen, von einem bestimmten Eindruck aus. Sie zeigt sich angeregt von Naturstimmungen, die mit allgemeinen Situationen wie Dämmerung, Nacht, Mondlicht, Winter, Kälte einhergehen. Das Nebeneinander von Hell und Dunkel entspricht einer seelischen Struktur. Strebt der Blick aus dem Dunkel (durch eine Struktur wie Astwerk) in das Lichte, baut sich eine mystische Stimmung auf. Nachtvisionen erzeugen einen Sog in die Tiefe endloser Räume, es eröffnen sich metaphysische Dimensionen.

Pamela Eckers Bildgegenstände sind meist von feiner, sich verflüchtigender Natur wie Wolken, Nebel, Dampf, Hauch und Dunst; entsprechend durchscheinend trägt sie ihre Farben auf. Manchmal jedoch verdichtet und verfestigt sie die Oberfläche, durch verschieden dicken Farbauftrag und Schaben entstehen überraschend handfeste Strukturen, die Malfläche wird rau, was dann neben den zarten Tönen eine starke Stofflichkeit ins Bild ruft. Das ätherische Spiel im Drama der elementaren Kräfte macht die Malerin durch die Ausdruckskraft der Farben und die abgestufte Dynamik ihres Auftrags sichtbar.

Die Inszenierung von Licht, Schatten und Dunkelheit steuert letztlich auf eine symbolhafte Wirkung zu, allerdings bleibt die Bedeutung im engeren Sinn in der Schwebe. Pamela Eckers künstlerisches Verfahren, das mit ihren Gefühlen und Stimmungen korrespondiert, unterzieht ihre Erfahrungsgegenstände einer Läuterung. Die Substanz des Erlebten klärt sich, das Drama der Materie tendiert zur Spiritualität. Die äußerung darüber folgt den Kriterien des Empfindens und der Ordnung der Gefühle.